Mein Sohn
ist 21 Monate - also 1 3/4 Jahre und wird "noch" gestillt - "Immer
noch?", wie meine Hausärztin vor einigen Tagen mich fragte.
Ja, wir
stillen noch und nicht mal nur eben morgens. So im Schnitt stillen wir so 5-6
Mal in 24h, das beinhaltet auch noch nächtliches Stillen.
Warum
stillen wir noch? Ich arbeite seit 9 Monaten in Teilzeit, mein Sohn kann essen,
und ich kenne sonst keine Mutter im direkten Bekanntenkreis, die ihr Kind über
14-16 Monate gestillt hat.
Gedanken zum Stillen in der Schwangerschaft
A. ist unser
erstes Kind und ich habe mir in der Schwangerschaft gedacht, ich will gern
stillen und dann schauen wir mal wie es läuft. Ich hab mir Stillen und Arbeiten
damals nicht ausmalen können, es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.
Ich träumte
aber durchaus von den in Pro-Still Broschüren angepriesenen Vorteilen vom
schnellen Gewichtsverlust des Babyspecks durch das Stillen, die Allergie
Prävention für mein Kind, und was da sonst noch so genannt wird.
Erste Gedanken zum Stillen nach der Geburt
Das erste
Mal Anlegen, war komisch. Die Ärztin nahm meine Brust in die Hand, noch im Kreißsaal,
und quetschte sie irgendwie platt zusammen und führt die kleine Babyschnute zu
meiner Brust und flups saugte unser Sohn sich fest und es war komisch.
Es kitzelte, war fremd, aber auch schön. Die darauffolgenden Tage hatte ich
diese Fremd-Brust-Quetsch-Erfahrung zum Anlegen-Helfen noch ein paar Mal mit
diversen Krankenschwestern der Wöchnerinnen-Station, aber dann ging es ganz
gut.
Und es lief.
Zuhause lief es auch mit dem Stillen.
Stillen war
mein Ding. Ich konnte Stillen. Und mein Kleiner kam oft. Nicht lange, aber oft.
Ich hab mir
jeden Bla-Bla-Scheiß der Hebamme angehört zum Thema Brust-wechseln,
Brustmassieren, Still-Mindest-Dauer, und Still-Mindest-Zeitabstände angehört
und befolgt und es war Scheiß... Jetzt weiß ich das. Würd ich es beim nächsten
Mal anders machen. Ich hoffe doch, aber ich weiß es nicht. Die Hormone einer
Wöchnerin zusammen mit der Erschöpfung der Geburt machen einen kirre,
fix-und-fertig und angreifbar. Sie verunsichern dich.
Mit ca. 3
Monaten kam die Still-Krise und die war hart.
Die Still-Krise
Was
vorher lief, wollte nicht mehr klappen. Das einfache Anlegen, mein Kind freut
sich und saugt sich ins Delirium war nicht mehr. Vielmehr brüllte er mich an.
Er weinte, war müde, machte Hungerzeichen - wie ich glaubte.
Es lief
meist so ab: Mein Babysohn A. signalisierte suchenderweise, dass er an die
Brust wollte. Ich nahm ihn in Stillposition auf den Arm und er dockte an. Kurz
darauf bog er sich durch, drehte sich weg und weinte. Was sollte ich tun. Ich verzweifelte schier.
Nachts im Bett im Liegen ging es meist besser und wir hatten
Nachts eigentlich nie so ein Theater.
Ich hab mich an die Hebamme gewandt, die Kinderärztin angefleht mir zu helfen, im
Still-Treffen mein Problem offen gelegt, befreundete Mütter gefragt. Niemand
wusste einen Rat. Die Kinderärztin hat uns an die Kinderklinik (Zentrum für Entwicklungsförderung)
überwiesen - der Termin kam dann aber so spät, dass Monate später sich das
Ganze schon entspannt hatte.
Die Einzige, die meine Situation
verstehen konnte und einen Rat hatte, war die Stillberaterin der La Leche Liga,
die wohl mit einem ihrer 4 Kinder ähnliches erlebt hatte und von einer
Reizüberflutung des Kindes sprach. Das es einfach zu abgelenkt und zu müde war
um zu trinken. Dazu kam, dass mir die Milch quasi aus den Brüsten schoss,
sobald ich Babysohn A anlegte. Das war wohl zu viel.
Ich habe meine Sohn daraufhin im Dunkeln
gestillt, auf dem Pezzi-Ball gestillt, den Blödsinn mit dem Brüste-Wechseln
eingestellt und so mal meine Milchmenge etwas runterreguliert, sodass es nicht
immer aus beiden Brüsten wie aus einem Springbrunnen schoss, wenn der
Milchspendereflex einsetzte, ich hab ihn in der Trage gestillt, ich habe
durchgehalten.
Durchgehalten
Die Stillkriese hat mich als Jungmutter unheimlich verunsichert. Ich hatte
sowieso schon keine Ahnung von Kindern und Stillen war das Einzige, was ich
wirklich konnte, so dachte ich.
Als mein Sohn 6 Monate war, und wir dann auch endlich den Termin in der
Kinderklinik zum Vorstellen hatten, war ich erschöpft aber auch stolz. Ich
hätte zeitweise nicht gedacht, dass ich es so lange schaffe mit dem Stillen -
vor allem wegen der Stillkriese. Die ein oder andere Schwiegermutter, Bekannte,
Nachbarin meinte, man solle doch abstillen und die Flasche geben. Immerhin kann
der Stress, den die Stillkriese zwischen mir und meinem Sohn auslöste auch die
Beziehung nachteilig beeinflussen. Also warum weiter stillen, wenn es so viel
Stress bedeutet?
Das mag stimmen, aber ich wollte nicht aufgeben bei den ersten Hürden.
Und ich war süchtig; süchtig nach der
Wonne und Kuscheligkeit, die mir die ruhigen Momente mit dem Babysohn beim
Stillen beschafften.
Was war nun das Problem und die
Lösung?
Ich weiß es bis heute nicht. Vielleicht war es Überreizung, vielleicht war
es zu viel Milch. Vielleicht war mein Sohn einfach müde und wollte schlafen,
stattdessen schoss ihm Milch in den Rachen.
Aber was es für uns gelöst hat war: Zeit!!!
Das Stillen nach dem ersten
Geburtstag und die Krippe
Nun wurde mein Sohn 1 Jahr alt. Gegessen hat er noch so gut wie gar nichts.
Er hat probiert aber nur in Homöopathischen Mengen was im Mund
behalten. Bratwurst klappte noch am besten, Brei ging gar nicht. Und ich fing
wieder an zu arbeiten. Mein Sohn musste also 7-8h in der Krippe ausharren ohne
Stillen.
Und er aß - zumindest in der Krippe.
Ich dachte an die Vorteile die das Stillen für seine Gesundheit in der
Krippenumgebung wohl haben könnte und träumte von einem langsamen Abstillen, da
er ja nun in der Krippe auch anfing zu essen. Es klappt eben besser, wenn
ältere Kinder es vor machen.
Ich hatte im Vorfeld sogar ein Gruppentreffen der La Leche Liga hier vor
Ort besucht zu dem Thema "Stillst du noch" und traf dort andere
Mütter, die noch ihre knapp einjährigen Kinder stillten. Keine von ihnen hatte
das in ihrem Plan gehabt, aber da die Kinder einfach keine Esser waren, blieb
man beim Stillen. Eine Mutter stillte sogar Tandem ihren 3,5 Jahre alten Sohn
und ihr 3 Monate altes Neugeborenes.
In der Krippe begann nun die Odyssee einer
nie-enden-wollenden-Krankheitsphase des nun Kleinkindsohns. Wir hatten in 6
Monaten gerade mal 1 Woche, die er komplett in die Krippe ging. Ansonsten war
er jede Woche mindestens einen Tag nicht in der Krippe. Mein Mann und ich gaben
uns Zuhause die Klinke in die Hand, weil wir dank Gleitzeit im Büro die
Kinderbetreuung quasi in Schichten zuhause abwickelten. Und ich stillte weiter.
Wo war jetzt da der Vorteil des gestärkten Immunsystems eines gestillten
Kleinkindes? Sicherlich war es von Vorteil zu Stillen während er krank war. So
kam er schnell wieder auf die Beine, doch die nächsten Keime beim nächsten
Krippenbesuch hauten ihn gleich wieder um.
Und dann mit 1,5 Jahren die Diagnose: Erdnussallergie.
Mein Sohn probierte Erdnussbutter und ihm schwoll das ganze Gesicht an. Also ab
zum Arzt und Medikamente geben, aber schnell schnell.
So, wie war das nochmal mit dem Stillen und der Allergieprävention?
Irgendwas war hier falsch. Ich hatte seit der Entbindung auch nicht ein
Gramm abgenommen. Also das können alles keine Gründe für uns gewesen sein, die
das Stillen "so lang" rechtfertigen.
Wie lang soll es noch gehen?
Ich könnte jetzt die Stillempfehlung der WHO zitieren: "6 Monate
voll stillen, danach bis zum 2. Geburtstag begleitend und dann solang Mutter
und Kind es wollen" - aber ist das relevant in der westlichen Welt wo Hygiene
und Nahrungsmittelangebot alles liefern können, was man für Geld kaufen kann? -
Kuscheligkeit kann man auch anders schaffen.
Das Einzige Argument der Stillbroschüren für das Stillen, dessen
Effekt ich nun immer noch spüre und genieße ist die lactational amenorrhea (=Verhütende Funktion des Stillens). Ich
habe meine letzte richtige Periode vor der Schwangerschaft im Dezember 2013
gehabt. Vor ca. 2,5 Monaten hatte ich nun mal 2 Tage Schmierblutung und seit
dem wieder nichts.
Langsam nehme ich auch mal grammweise ab.
Mein Traum vom Abstillen - und das war auch mit einem Jahr mein Wunsch
gewesen - ist ein langsames ausklingen. Es ist mir wichtig, dass ich mich
meinem Sohn nicht aufdränge mit der Brust. Ich gebe sie ihm nur, wenn er danach
verlangt. Oft hat er Hunger oder Durst, dann versuch ich ihm zuerst Wasser oder
etwas zu essen anzubieten.
Sind jedoch Müdigkeit, Schmerzen, Angst oder Unwohlsein die Gründe, lässt
er sich nicht mit Essen oder Wasser davon ablenken. Dann bekommt er die Brust
und ich finde es immer noch kuschelig - zumindest meistens. Oft genug wird das
Stillen eines Kleinkindes auch zu einem Paar-Turn-Akt oder Spielzeuge werden
über meinen Arm gefahren oder ich bekomme auch mal eine verpasst.
Eine Deadline habe ich für mich nicht, wie lange ich es noch machen möchte.
Ich lege sehr viel Wert auf natürliche Nahrung, daher ist es für mich keine
Option mit der Milchflasche abzustillen und ich wär auch zu faul immer
Fläschchen zu machen.
In meinem Kopf habe ich, dass ich mit 2,5 Jahren nochmal ein Resümee ziehe.
Mal schauen, wie ich dann dazu stehe. Vielleicht stillen wir ja bis dahin schon
gar nicht mehr.
Oder aber der Wunsch nach einer erneuten Schwangerschaft scheitert alleinig
an dem Stillen des Erstgeborenen und wird so groß, dass ich das langsame
Abstillen doch beschleunigen will.
Ich bin eine Langzeit-Still-Mami weil ich dafür gekämpft habe und weil es
sich gut anfühlt. Ich habe es mir vorher nicht so vorgestellt und es ist
so gekommen.
Nährwerte, Antikörper, Abnehmen, Allergien ... Hin oder Her. Es ist mein
Weg und der meines Sohnes. Ich verurteile nicht und ich will nicht verurteilt
werden.