Donnerstag, 4. August 2016

Das Märchen vom Langzeit-Stillen


Mein Sohn ist 21 Monate - also 1 3/4 Jahre und wird "noch" gestillt - "Immer noch?", wie meine Hausärztin vor einigen Tagen mich fragte.

Ja, wir stillen noch und nicht mal nur eben morgens. So im Schnitt stillen wir so 5-6 Mal in 24h, das beinhaltet auch noch nächtliches Stillen.

Warum stillen wir noch? Ich arbeite seit 9 Monaten in Teilzeit, mein Sohn kann essen, und ich kenne sonst keine Mutter im direkten Bekanntenkreis, die ihr Kind über 14-16 Monate gestillt hat.

Gedanken zum Stillen in der Schwangerschaft

A. ist unser erstes Kind und ich habe mir in der Schwangerschaft gedacht, ich will gern stillen und dann schauen wir mal wie es läuft. Ich hab mir Stillen und Arbeiten damals nicht ausmalen können, es ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.

Ich träumte aber durchaus von den in Pro-Still Broschüren angepriesenen Vorteilen vom schnellen Gewichtsverlust des Babyspecks durch das Stillen, die Allergie Prävention für mein Kind, und was da sonst noch so genannt wird.

Erste Gedanken zum Stillen nach der Geburt

Das erste Mal Anlegen, war komisch. Die Ärztin nahm meine Brust in die Hand, noch im Kreißsaal, und quetschte sie irgendwie platt zusammen und führt die kleine Babyschnute zu meiner Brust und flups saugte unser Sohn sich fest und es war komisch. Es kitzelte, war fremd, aber auch schön. Die darauffolgenden Tage hatte ich diese Fremd-Brust-Quetsch-Erfahrung zum Anlegen-Helfen noch ein paar Mal mit diversen Krankenschwestern der Wöchnerinnen-Station, aber dann ging es ganz gut.

Und es lief. Zuhause lief es auch mit dem Stillen.

Stillen war mein Ding. Ich konnte Stillen. Und mein Kleiner kam oft. Nicht lange, aber oft.

Ich hab mir jeden Bla-Bla-Scheiß der Hebamme angehört zum Thema Brust-wechseln, Brustmassieren, Still-Mindest-Dauer, und Still-Mindest-Zeitabstände angehört und befolgt und es war Scheiß... Jetzt weiß ich das. Würd ich es beim nächsten Mal anders machen. Ich hoffe doch, aber ich weiß es nicht. Die Hormone einer Wöchnerin zusammen mit der Erschöpfung der Geburt machen einen kirre, fix-und-fertig und angreifbar. Sie verunsichern dich.

Mit ca. 3 Monaten kam die Still-Krise und die war hart.

Die Still-Krise

 Was vorher lief, wollte nicht mehr klappen. Das einfache Anlegen, mein Kind freut sich und saugt sich ins Delirium war nicht mehr. Vielmehr brüllte er mich an. Er weinte, war müde, machte Hungerzeichen - wie ich glaubte.

Es lief meist so ab: Mein Babysohn A. signalisierte suchenderweise, dass er an die Brust wollte. Ich nahm ihn in Stillposition auf den Arm und er dockte an. Kurz darauf bog er sich durch, drehte sich weg und weinte. Was sollte ich tun. Ich verzweifelte schier.

Nachts im Bett im Liegen ging es meist besser und wir hatten Nachts eigentlich nie so ein Theater.

Ich hab mich an die Hebamme gewandt, die Kinderärztin angefleht mir zu helfen, im Still-Treffen mein Problem offen gelegt, befreundete Mütter gefragt. Niemand wusste einen Rat. Die Kinderärztin hat uns an die Kinderklinik (Zentrum für Entwicklungsförderung) überwiesen - der Termin kam dann aber so spät, dass Monate später sich das Ganze schon entspannt hatte.

Die Einzige, die meine Situation verstehen konnte und einen Rat hatte, war die Stillberaterin der La Leche Liga, die wohl mit einem ihrer 4 Kinder ähnliches erlebt hatte und von einer Reizüberflutung des Kindes sprach. Das es einfach zu abgelenkt und zu müde war um zu trinken. Dazu kam, dass mir die Milch quasi aus den Brüsten schoss, sobald ich Babysohn A anlegte. Das war wohl zu viel.

Ich habe meine Sohn daraufhin im Dunkeln gestillt, auf dem Pezzi-Ball gestillt, den Blödsinn mit dem Brüste-Wechseln eingestellt und so mal meine Milchmenge etwas runterreguliert, sodass es nicht immer aus beiden Brüsten wie aus einem Springbrunnen schoss, wenn der Milchspendereflex einsetzte, ich hab ihn in der Trage gestillt, ich habe durchgehalten.

Durchgehalten

Die Stillkriese hat mich als Jungmutter unheimlich verunsichert. Ich hatte sowieso schon keine Ahnung von Kindern und Stillen war das Einzige, was ich wirklich konnte, so dachte ich.

Als mein Sohn 6 Monate war, und wir dann auch endlich den Termin in der Kinderklinik zum Vorstellen hatten, war ich erschöpft aber auch stolz. Ich hätte zeitweise nicht gedacht, dass ich es so lange schaffe mit dem Stillen - vor allem wegen der Stillkriese. Die ein oder andere Schwiegermutter, Bekannte, Nachbarin meinte, man solle doch abstillen und die Flasche geben. Immerhin kann der Stress, den die Stillkriese zwischen mir und meinem Sohn auslöste auch die Beziehung nachteilig beeinflussen. Also warum weiter stillen, wenn es so viel Stress bedeutet?
Das mag stimmen, aber ich wollte nicht aufgeben bei den ersten Hürden.
Und ich war süchtig; süchtig nach der Wonne und Kuscheligkeit, die mir die ruhigen Momente mit dem Babysohn beim Stillen beschafften.

Was war nun das Problem und die Lösung?

Ich weiß es bis heute nicht. Vielleicht war es Überreizung, vielleicht war es zu viel Milch. Vielleicht war mein Sohn einfach müde und wollte schlafen, stattdessen schoss ihm Milch in den Rachen. 

Aber was es für uns gelöst hat war: Zeit!!!

Das Stillen nach dem ersten Geburtstag und die Krippe

Nun wurde mein Sohn 1 Jahr alt. Gegessen hat er noch so gut wie gar nichts. Er hat probiert aber nur in Homöopathischen Mengen was im Mund behalten. Bratwurst klappte noch am besten, Brei ging gar nicht. Und ich fing wieder an zu arbeiten. Mein Sohn musste also 7-8h in der Krippe ausharren ohne Stillen.

Und er aß - zumindest in der Krippe. 

Ich dachte an die Vorteile die das Stillen für seine Gesundheit in der Krippenumgebung wohl haben könnte und träumte von einem langsamen Abstillen, da er ja nun in der Krippe auch anfing zu essen. Es klappt eben besser, wenn ältere Kinder es vor machen.

Ich hatte im Vorfeld sogar ein Gruppentreffen der La Leche Liga hier vor Ort besucht zu dem Thema "Stillst du noch" und traf dort andere Mütter, die noch ihre knapp einjährigen Kinder stillten. Keine von ihnen hatte das in ihrem Plan gehabt, aber da die Kinder einfach keine Esser waren, blieb man beim Stillen. Eine Mutter stillte sogar Tandem ihren 3,5 Jahre alten Sohn und ihr 3 Monate altes Neugeborenes.

In der Krippe begann nun die Odyssee einer nie-enden-wollenden-Krankheitsphase des nun Kleinkindsohns. Wir hatten in 6 Monaten gerade mal 1 Woche, die er komplett in die Krippe ging. Ansonsten war er jede Woche mindestens einen Tag nicht in der Krippe. Mein Mann und ich gaben uns Zuhause die Klinke in die Hand, weil wir dank Gleitzeit im Büro die Kinderbetreuung quasi in Schichten zuhause abwickelten. Und ich stillte weiter. Wo war jetzt da der Vorteil des gestärkten Immunsystems eines gestillten Kleinkindes? Sicherlich war es von Vorteil zu Stillen während er krank war. So kam er schnell wieder auf die Beine, doch die nächsten Keime beim nächsten Krippenbesuch hauten ihn gleich wieder um.

Und dann mit 1,5 Jahren die Diagnose: Erdnussallergie.
Mein Sohn probierte Erdnussbutter und ihm schwoll das ganze Gesicht an. Also ab zum Arzt und Medikamente geben, aber schnell schnell. 

So, wie war das nochmal mit dem Stillen und der Allergieprävention? 
Irgendwas war hier falsch. Ich hatte seit der Entbindung auch nicht ein Gramm abgenommen. Also das können alles keine Gründe für uns gewesen sein, die das Stillen "so lang" rechtfertigen.

Wie lang soll es noch gehen?

Ich könnte jetzt die Stillempfehlung der WHO zitieren: "6 Monate voll stillen, danach bis zum 2. Geburtstag begleitend und dann solang Mutter und Kind es wollen" - aber ist das relevant in der westlichen Welt wo Hygiene und Nahrungsmittelangebot alles liefern können, was man für Geld kaufen kann? - Kuscheligkeit kann man auch anders schaffen.

Das Einzige Argument der Stillbroschüren für das Stillen, dessen Effekt ich nun immer noch spüre und genieße ist die lactational amenorrhea (=Verhütende Funktion des Stillens). Ich habe meine letzte richtige Periode vor der Schwangerschaft im Dezember 2013 gehabt. Vor ca. 2,5 Monaten hatte ich nun mal 2 Tage Schmierblutung und seit dem wieder nichts. 

Langsam nehme ich auch mal grammweise ab. 

Mein Traum vom Abstillen - und das war auch mit einem Jahr mein Wunsch gewesen - ist ein langsames ausklingen. Es ist mir wichtig, dass ich mich meinem Sohn nicht aufdränge mit der Brust. Ich gebe sie ihm nur, wenn er danach verlangt. Oft hat er Hunger oder Durst, dann versuch ich ihm zuerst Wasser oder etwas zu essen anzubieten.

Sind jedoch Müdigkeit, Schmerzen, Angst oder Unwohlsein die Gründe, lässt er sich nicht mit Essen oder Wasser davon ablenken. Dann bekommt er die Brust und ich finde es immer noch kuschelig - zumindest meistens. Oft genug wird das Stillen eines Kleinkindes auch zu einem Paar-Turn-Akt oder Spielzeuge werden über meinen Arm gefahren oder ich bekomme auch mal eine verpasst.

Eine Deadline habe ich für mich nicht, wie lange ich es noch machen möchte. Ich lege sehr viel Wert auf natürliche Nahrung, daher ist es für mich keine Option mit der Milchflasche abzustillen und ich wär auch zu faul immer Fläschchen zu machen. 

In meinem Kopf habe ich, dass ich mit 2,5 Jahren nochmal ein Resümee ziehe. Mal schauen, wie ich dann dazu stehe. Vielleicht stillen wir ja bis dahin schon gar nicht mehr.

Oder aber der Wunsch nach einer erneuten Schwangerschaft scheitert alleinig an dem Stillen des Erstgeborenen und wird so groß, dass ich das langsame Abstillen doch beschleunigen will.

Ich bin eine Langzeit-Still-Mami weil ich dafür gekämpft habe und weil es sich gut anfühlt.  Ich habe es mir vorher nicht so vorgestellt und es ist so gekommen.
Nährwerte, Antikörper, Abnehmen, Allergien ... Hin oder Her. Es ist mein Weg und der meines Sohnes. Ich verurteile nicht und ich will nicht verurteilt werden.

 

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